Der Umgang mit den Wurzeln

Was geschieht wirklich, wenn wir unsere Heimat verlassen, um in einer fremden Kultur glücklich zu werden? Was brauchen wir, um mit Engagement und Freude die neue Sprache und die neuen Umgangsformen zu lernen?
Wo bekommen unsere Wurzeln Nahrung? Was gibt uns die Kraft und den Mut, in der Fremde zu bestehen? Und was geben wir unseren Kindern, die bereits in der neuen Heimat leben, von unseren Erfahrungen mit auf den Weg? Themen und Fragen, die uns alle in einer multikulturellen Gesellschaft betreffen.
In zunehmendem Maße kommen in den letzten 10 Jahren  zwei- und dreisprachig aufwachsende Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in zweiter und dritter Generation zu uns in die Praxis.

Die sprachlichen Auffälligkeiten sind häufig diffus. es fehlt die sprachliche Sicherheit und Kompetenz., das sprachliche Selbstverständnis.
Häufig berichten die Eltern, dass die Kinder in keiner der benutzten Sprachen tatsächlich heimisch sind.
Schon oft wurde dieses Problem in Fachkreisen erörtert:
Zu viel Fernsehen, zu viel Computer, in den Familien werde nicht mehr genügend gesprochen, es gebe zu wenig sprachliche Anregungen usw usw, wir kennen alle diese Argumente.
Aus meiner systemischen  Haltung und Beobachtung heraus, stelle ich fest, dass ein vermehrtes Angebot an Deutschkursen für marokkanische Mütter sicher keine Fehlinvestition ist, und auch Elterntrainings, die den Umgang mit Sprache und Kommunikation fördern und erleichtern sollen, haben ihre Berechtigung und bewirken Gutes.
Die Wurzeln für die diffusen Sprach- und Sprechblockaden dieser Kinder können allerdings  tatsächlich noch ganz woanders liegen und oftmals viel tiefer.

Sie liegen vielleicht begraben in einer russischen oder libanesischen Kleinstadt, im syrischen Dorf, im türkischen Hinterland, zurückgelassen, vergessen, verdrängt, beweint, verkümmert oder überfrachtet mit Sehnsucht.

Wie viele von den vielen Menschen, die aus unterschiedlichen Beweggründen ihr Glück im fremden Land gesucht haben oder immer noch suchen, die geflüchtet, verdrängt, gejagt oder einfach nur ausgewandert sind, haben wirklich ein geklärtes Verhältnis zu ihrem Heimatland, in dem sie geboren und aufgewachsen sind?  Und wie steht es um das Gefühl zu dem Land, das ihnen eine neue Heimat bieten sollte. Wo ist die Seele wirklich zuhause, kann durchatmen und gesund werden?
Was muss geschehen, damit sie auch im neuen Land eine neue Heimat finden kann?
Oftmals wird das Heimatland idealisiert und das Gastland verurteilt, oder umgekehrt. Je nach individueller Erfahrung.

Die nachfolgenden Kinder wachsen in dieses Spannungsfeld hinein. Und obwohl sie im neuen Land geboren werden, haben ihre Wurzeln keinen eindeutigen Platz, sie sind möglicherweise verstreut, irgendwo liegengeblieben zwischen den Träumen, Erwartungen und  Wirklichkeiten ihrer Eltern.

Zurück zur Sprache. Die Art wie ein Mensch spricht, wie er sich ausdrückt, wie er in Kontakt zu anderen Menschen geht, wie er sich darstellt, wie seine Stimme klingt, und auch mit welcher Haltung er eine neue Sprache lernt, ist möglicherweise viel enger verbunden mit seiner Persönlichkeit und seiner individuellen Geschichte, als wir oftmals denken.

Wenn ich mich als ganzheitlich arbeitende Logopädin verstehe, so ist es für mich naheliegend und denkbar, die individuelle Familiengeschichte mit in die logopädische Therapie einzubeziehen.

Aufstellungsarbeit zum Thema „Heimat“ beleuchtet unerkannte Gefühle von tiefster Sehnsucht und höchstem Glück.

 

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