Ich lebe in Deutschland, aber meine Heimat bleibt die Türkei

C.  ist ein kleines 4-jähriges türkisches Mädchen. Ihre Mutter ist in Deutschland geboren und sozusagen „eingedeutscht“. Ihren Vater hat ihre Mutter in einem Urlaub in der Türkei kennen gelernt. Wegen ihr ist er mit nach Deutschland gekommen. Sie haben geheiratet und zwei Töchter bekommen. C. ist die ältere. Sie stottert stark mit Anstrengungsverhalten und Sekundärsymptomatik und weigert sich konsequent, Deutsch zu sprechen. Deutschlernen ist ein zentrales Thema in der Familie, vielleicht zentraler als das Stottern. Ein Cousin von C. stottert ebenfalls.
C.s Vater ist nun 7 Jahre in Deutschland und spricht kaum Deutsch, aber er ist in der ersten Therapiestunde dabei. Er wirkt sehr verbunden mit seiner Tochter und macht sich große Sorgen.
„Wie oft sehnen Sie sich und denken Sie an die Türkei, Herr K.,“ frage ich ihn.

„Jeden Tag,“ sagt er entschieden, und seine Augen werden feucht.

„Die Liebe muss sehr groß sein, dass Sie Ihre Heimat für Ihre neue Familie aufgegeben haben“, sage ich. Er lächelt.
In der folgenden Stunde bestelle ich beide Eltern allein ein. Wir machen eine kleine Aufstellung mit Holzfiguren.
Ich bitte den Vater, eine Figur für sich,  eine für seine Frau, eine für C. ,  und eine für die Türkei aufzustellen.
Er stellt alle Figuren nebeneinander, so dass sich keiner anschauen kann.

„Sie wissen, dass Ihre Tochter unbewusst aus Verbundenheit und Solidarität mit Ihnen kein Deutsch lernen will,“ sage ich „sie tut dies aus Liebe zu Ihnen, nicht wahr?“ Er nickt. “Aber Ihnen fällt es sehr schwer, Deutsch zu lernen, weil Ihr Herz in der Türkei ist. Das setzt Sie unter Druck.“
Ich baue die Figuren um, stelle ihn neben seine Frau, die Türkei hinter ihn, das Kind vor die Beiden, so dass die Eltern ihr Kind anschauen können.
„Sagen Sie zu Ihrer Tochter: Meine Heimat ist die Türkei. Ich liebe meine Heimat und werde immer mit ihr verbunden bleiben. Dort sind meine Wurzeln. Du aber darfst deutsch werden, du bist hier geboren, und deine Heimat ist Deutschland. Dein Papa bleibe ich deshalb trotzdem.“
Er spricht diese Sätze auf türkisch nach und gibt ihr damit die Erlaubnis und die Freiheit, sich für das Deutsche öffnen zu dürfen.
Ein Satz zu den sogenannten Lösungssätzen, die für nicht Aufstellungserfahrene zunächst befremdlich wirken.  Treffen diese Sätze ins Schwarze, und wird das, was  gesprochen wird, auch tief gefühlt, so bekommen diese Worte eine deutlich erfahrbare Kraft, die sich manchmal sofort in Erleichterung äußert, oder erst später erkannt oder erfahren wird.

Zurück zu C s Vater:

Ich rate ihm, seinen Kindern viel von seiner Heimat zu erzählen, oder ein türkisches Märchen beim Zubettgehen….

Eine Woche später erzählt mir die Mutter, C  habe im Kindergarten angefangen, Deutsch zu sprechen, und das Stottern sei etwas leichter geworden, aber in den nächsten Stunden möge ich  mich doch bitte mit dem Kind beschäftigen.

Da nicht alle Eltern von vornherein dafür offen sind, systemisch mit mir zu arbeiten, sondern sich auch direkte Therapie mit dem Kind wünschen, gehe ich gerne auf diese Bitte ein, um Vertrauen zu schaffen.
Im Laufe von drei Therapiestunden üben wir, Mutter, Kind und ich gemeinsam das Pseudostottern. C s Mutter nimmt es sehr gut an und verwendet es auch mit ihrer Tochter zuhause. Die Zwanglosigkeit, mit der die Mutter das Pseudostottern anwendet, ist für mich das Signal, ihr eine Aufstellung zum Thema Stottern anzubieten. Es ergibt sich von allein, C  mag nämlich nicht mehr zur Therapie kommen. Die Mutter sieht den Grund dafür in der langen Anfahrt, und C  mag kein Autofahren.

Ich selbst verstehe das Verhalten des Kindes anders. Unbewusst „weiß“ sie, lenkt sie darauf hin, dass es beim Stottern nicht um sie geht, sondern um die Eltern, dass sie selbst nur die Symptomträgerin ist für einen tiefersitzenden Druck, den Vater und Mutter unbewusst auf ihr Kind übertragen. Das erkläre ich der Mutter sehr behutsam. Meistens nehmen die Eltern das erleichtert an. „Dann kann ich ja etwas tun!“

Wir arbeiten mit farbigen Filzplatten, sogenannten Bodenankern. Frau K. sucht vier Platten heraus, jede einzelne wird mit Namen versehen: Mutter, Vater, C , das Stottern.
Spontan ordnet sie sie hintereinander auf dem Fußboden an:  Mutter führt an, dann der Vater, anschließend C , hinter dem Kind folgt das Stottern.
Wir beide schauen auf die Anordnung.
„Es sieht aus, wie ein Zug“, sage ich, „Sie sind die Lokomotive mit drei Waggons.“
Sie lacht, „ja, das stimmt, bei uns bin ich der Mann im Haus. Ich muss auch immer alles regeln. Das ist oft anstrengend.“
„Sie haben viel Kraft“, füge ich hinzu.
„Ja, aber das Stottern…“
„Ja, das Stottern ist da, und es versteckt sich hinter dem Kind. Möchten Sie sich einmal auf C s Platz stellen?“
Frau K. stellt sich auf den Platz ihrer Tochter. Nach kurzer Zeit beginnt sie zu weinen: „Was für ein Druck! Ich fühle den Druck.“
„Sie machen das sehr gut, Frau K.“, sage ich nach einer Weile beeindruckt, „Sie sind so ehrlich. Sind Sie damit einverstanden, wenn ich die Anordnung ein wenig umbaue?“
Als sie nickt, lege ich die Platten der Eltern nebeneinander und ordne ihnen gegenüber den Platz des Kindes neben dem Stottern an.
Frau K. stellt sich auf ihren Platz, schaut auf ihr Kind und auf das Stottern.
„Mein liebes Kind, das Stottern nehme ich jetzt zu mir,   bei dir hat es nichts zu suchen. Ich bin hier die Große und kümmere mich jetzt darum.“

Diesen Satz gebe ich ihr vor, sie spricht ihn nach, auf deutsch und auf türkisch, legt die Filzplatte neben sich und atmet erleichtert aus.

Wenn Eltern wirklich und aus der Tiefe ihres Herzens das Stottern als ein Thema von sich annehmen können, dann sind die Kinder frei und bereit,  das Symptom los zu lassen.
Nichts anderes geschieht, wenn Eltern das Pseudostottern als eine Aufgabe für sich entdecken, erst dann wird aus der vordergründigen Übung eine tiefverstandene heilende Kraft.
Nach dieser Therapiesitzung vereinbaren wir nur noch kurze Telefongespräche in größeren Abständen. C s Stottern ist etwas leichter geworden.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Heimat, Aufstellungsprojekte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s