Julians kraftspendender Adler

https://engelkenmarianne.files.wordpress.com/2012/06/adler.jpg   Julian ist 10 Jahre alt.  Julian ist ein großartiger Sportler. Julian weiß genau, was ihm gut tut. Julian ist ein besonderer Junge. Julian ist sehr eigenwillig. Und Julian stottert.  Er kommt überwiegend gut mit seinem Stottern zurecht. Nur gelegentlich holt er sich Unterstützung.

Heute wünscht sich seine Mutter, dass er mir erzählt, warum er   schulfrei hat. Er könnte mir so viele schöne Dinge erzählen. Er will aber nicht! Und er weiß genau, was er will und was nicht. Gemeinsam gehen wir in meinen Raum.
Er darf ein Krafttier auswählen. Blind wählt er den Adler. Der Adler steht für Visionen, Mut und Männlichkeit…

“Mit deinem Adler an der Seite hast du viel Kraft”, sage ich ihm, ” Was wollen wir damit machen?”
Er entscheidet sich für das Karussellspiel. 

Die Zwerge von Schneewittchen drehen sich mit dem Kettenkarussell. Wir legen verschiedene kleine Gummitierchen auf das Dach des Karussells und wetten, ob sie bei zunehmender Geschwindigkeit hinunterfallen, oder sich auf dem Dach halten können. Es entwickelt sich ein Kräftemessen. Wem gelingt es am besten, die Tiere nach seinem Willen mit magischen Kräften zu beherrschen. Und Julian, der  meint, seinen Ansprüchen nie gerecht zu werden, der kein Lob ertragen kann, verwandelt sich. Jetzt IST er der Adler, und er genießt es. Er wird locker, beginnt zu erzählen von ganz anderen Dingen, dass er gleich im Anschluss an die Stunde ein U- Boot kaufen geht, von seinem Taschengeld. Er beschreibt das U-Boot und stottert dabei immer weniger.

Julians Mutter kommt herein
In diesem Augenblick ändert sich etwas. Schon kurz bevor es an der Tür klopft, habe ich intuitiv das Spiel beendet. Plötzlich betrachte ich es mit den Augen von Julians Mutter: “Was machen wir hier eigentlich? So ein banales Spiel. Wir sollten doch etwas Sinnvolles tun, etwas, das mit Sprechen üben zu tun hat.”

Der Druck, den Julians Mutter in sich trägt, hat so eine Macht, dass er auch mich erfasst. Ich merke das viel zu spät.  “Oh je, ich habe mich immer noch nicht darum bemüht, zu erfahren, warum Julian schulfrei hat”.
Julians Mutter erkundigt sich, ob er es erzählt hätte. Ich beginne einen Spagat, möchte beiden entgegenkommen, es gelingt mir nicht. Was ist hier los?  Habe ich denn  plötzlich vollkommen  vergessen, dass man möglichst vermeiden sollte, stotternde Kinder unter Sprechdruck zu setzen?

Da platzt es aus Julian heraus:” ICH WILL NICHT!!! MUSST DU MIR IMMER ALLES AUS DER NASE ZIEHEN???

Ich atme tief aus und entspanne mich etwas. Erst später wird mir klar, dass er in diesem Moment genau das richtige gesagt hat.
Frau N. kann stolz auf ihn sein.

Die Stunde ist zuende. Ich gebe Julian den Adler als Begleitung mit.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Arbeit mit inneren Bildern veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s