Candan und das tief vergrabene türkische Militär oder wie unsere Kinder uns helfen, unsere traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten

Heute waren die Eltern von der kleinen 4-jährigen Candan da. Das Stottern hat sich in letzter Zeit wieder sehr verfestigt, und es macht ihnen große Sorgen. Sie sind frustriert, dass es nicht endgültig weggeht und haben begonnen, im Internet nach anderen Behandlungsmöglichkeiten zu forschen.

„Candan leidet gar nicht unter dem Stottern“, sage ich, „Sie leiden viel mehr als Candan.“

Beide Eltern nicken bestätigend. „Und das ist auch verständlich“, füge ich hinzu, „mit dem Stottern machen unsere Kinder uns aufmerksam auf etwas noch Ungelöstes in uns, und so lange, wie wir uns nicht damit befassen, stottern sie weiter.
Wir Erwachsenen reagieren dann auf  zwei Ebenen. Auf der äußeren Ebene sind wir genervt, besorgt, ungeduldig oder voller Mitleid. Auf einer zweiten tieferen unbewussten Ebene geraten wir unter Druck, sind verletzt oder konfrontiert mit uralten Gefühlen, die zu längst vergangenen Schicksalen oder Traumata gehören.

So ging es heute Herrn K., dem Vater von Candan. Candan ist ein „Papa-Kind“ und sehr eng verbunden mit ihm.
In der heutigen Übung stellte ich Herrn K. einen leeren Stuhl gegenüber und bat ihn, sich vorzustellen, auf diesem Stuhl seien sämtliche Erfahrungen und Erlebnisse seiner Familie versammelt.

Herr K. schaute auf den Stuhl, und plötzlich verdunkelte sich sein Gesicht:“ Es gibt etwas, worüber ich nie gesprochen habe, etwas, das furchtbarer ist, als alle schlimmen Schicksale meiner Familie“, brach es aus ihm heraus, „und das sind die 18 Monate meiner Militärzeit in der Türkei. Ich betrat die Kaserne, und die Hölle begann und wollte nicht enden. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens.“ Plötzlich war Herr K. überwältigt von seinen Erinnerungen. „Ich hatte geglaubt, ich hätte das längst verarbeitet, ich habe nie mit jemandem darüber gesprochen, und wenn, dann nur gelegentlich die eine oder andere Episode und das meistens scherzend. Dass es noch diese Wucht hat, hätte ich nicht gedacht.“

„Möglicherweise hat das Candan für sie übernommen“, gebe ich zu bedenken, „Kinder tragen das gerne für uns und aus Liebe.“

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