Eine Geschichte vom Stottern

rotzbengel_156Stell dir vor, das Stottern ist ein kleiner Junge, ein rotzfrecher Bengel. Listige Augen, triefende Nase, verschrammte Knie. Er klingelt an deiner Tür. Immer und immer wieder. Er klingelt Sturm. Er nervt. Er lässt sich nicht abwimmeln. Er klopft mit seinen Fäusten an deine Tür. Du hältst es nicht mehr aus und machst auf. Er will rein, klemmt seinen Fuß in die Tür, so dass du unschlüssig bist. Was tun? Deine Eltern wollen nicht, dass du mit ihm spielst. Sie sind vorsichtig. Sie ahnen den schlechten Einfluss, der von ihm ausgeht und wollen dich beschützen. Niemand mag ihn. Er ist auch wirklich ungezogen und ärgert dich und die anderen, wo er nur kann. Er zieht euch an den Haaren, schlägt, schubst, boxt und grinst dazu hämisch. Gar nichts Liebenswertes ist an ihm, ein dreckiger, frecher Rotzbengel. Und immer wieder findet er einen Weg in dein Haus. Und immer wieder schmeißen deine Eltern ihn wütend hinaus. Hat dieser Junge gar kein Zuhause? Woher kommt er überhaupt?  Niemand weiß, woher er stammt. Inzwischen hast auch du dir angewöhnt, ihn rauszuschmeißen und zu beschimpfen. Das macht den Kerl allerdings nur noch wütender. Niemand mag ihn in seiner Nähe haben. Du nervst! Du nervst! Du nervst! Das hört er überall, wo er erscheint. Ganz einsam wird er. Und je größer seine Einsamkeit wird, umso wütender drängelt er in dein Haus.

Da haben deine Eltern eine Idee. Sie öffnen ihm die Tür:“Komm rein, du Rotzbengel. Hier hast du ein Taschentuch. Zieh deine Jacke aus und setz dich ersteinmal. Hier ist ein Stuhl.“
Und sie schauen ihn an. Und sie schauen ihn zum ersten Mal richtig an. Auch du schaust ihn an. Was tut er? Er zieht zweimal die Nase hoch, zieht seine Jacke aus und setzt sich auf den Stuhl. Wie mager er eigentlich ist! Wie schmächtig und blass! Alles Kecke, alles Aufgeblasene ist von ihm gewichen. Dort sitzt er nun, ein kleiner trauriger Junge ohne Wurzeln.
Und in diesem Moment wird er ganz ruhig. Ganz ruhig. Und lächelt….:“Endlich schaut ihr mich an…“

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