Laura

Sie saß  in der warmen Küche, die Kleine auf ihrem Schoß. Der Doktor, ein Freund der Familie, hatte Diphterie diagnostiziert. Heute war er aufs Land gefahren, und sie konnte ihn nicht erreichen. Es war in den 20iger Jahren in einem Dorf in Mecklenburg, unweit der Ostseeküste. Immer wieder hielt sie nach ihm Ausschau. Ob er sie vergessen hatte? Er hatte ihr doch versprochen, jeden Tag einmal vorbeizuschauen, besonders in dieser kritischen Phase. Nun war sie allein mit dem kranken Kind, die 3 Jahre ältere Schwester spielte ruhig im Zimmer nebenan mit ihren Puppen.
Das Keuchen, das mühsame Ringen nach Luft — es verstärkte sich. Was konnte sie tun?
Sie war im ersten Weltkrieg als Krankenschwester ausgebildet und zwangsweise gewöhnt worden an den besonnenen, disziplinierten Umgang mit Blut, zerfetzten Gliedmaßen,Todeskämpfen.     Aber ihr eigenes Kind — hier auf ihrem Schoß in der Küche — das überstieg ihr Fassungsvermögen. Das Kind kämpfte, die Augen weitaufgerissen, mit jedem Atemzug. Und niemand war da, der sie beide retten würde.
Und so starb die Kleine in ihren Armen.
Diese Geschichte hatte Laura als junges Mädchen von ihrer Mutter erzählt bekommen. Einmal nur, nie wieder. Aber die Bilder prägten sich ein, als wäre Laura selbst dabei gewesen, damals, in der Küche. Das Mädchen, das auf diese Weise ihre kleine Schwester verloren hatte, war Lauras Mutter.

Laura  selbst hatte sich im Laufe ihres beruflichen Werdegangs auf das Phänomen Stottern spezialisiert. Sie wurde Stottertherapeutin. In der Behandlung dieser Kommunikationsstörung hatte sie bereits verschiedene Phasen durchlaufen. In Amerika zum Beispiel, lernte sie die bedingungslose radikale Desensibilisierung, das Freiwerden von der Angst vor dem sprachlichen Ausgeliefertsein. Sie lief mit ihren Klienten durch die Straßen, um fremde Menschen bewusst stotternd anzusprechen. Immer und immer wieder, bis eine Gewöhnung und Entspannung dem Symptom gegenüber eintreten durfte, um es dann weiter händelbar zu machen.
Erst  viele Jahre später wurde ihr bewusst, dass sie dabei, genau wie ihre Klienten, ihre eigene Angst bekämpft und sich ein dickes Fell angeeignet hatte.

So weit so gut. So ein dickes Fell wirkt manchmal Wunder und befähigte sie zu ungewöhnlichen beruflichen Herausforderungen. Aber irgendwo steckte sie noch, diese Angst, das spürte sie genau. Wenn sie ehrlich mit sich war, spürte sie sie genau  dann, wenn ein Klient ihr Zimmer betrat. Irgendwo tief vergraben unter dem desensibilisierten Fell.
Erst viele Jahre später wurde ihr bewusst, dass dieses Leben einen Preis hatte und eine hohe Anstrengungsbereitschaft erforderte, der sie sich nicht mehr gewachsen fühlte.
Und so machte sich Laura auf die Suche nach ihrem eigenen inneren Stottern, nach ihrer eigenen vergrabenen Angst. Warum hatte sie diesen Beruf ergriffen? Wen wollte sie eigentlich retten?  Was hatten all die kleinen und großen stotternden Klienten mit ihrer persönlichen Geschichte zu tun?

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2 Antworten zu Laura

  1. Bettina schreibt:

    Liebe Laura,
    ich danke Dir für diese sehr berührende Geschichte und Deine Offenheit. Sie zeigt so deutlich, wie sehr wir doch in die Lebens- und Leidensgeschichten unserer Herkunfstfamilie verstrickt sind und wie sehr diese traumatischen Erlebnisse der Seele nach Erlösung suchen und sich in unseren Ängsten oder besonderen Auffälligkeiten unseres Körpers oder unseres Verhaltens zeigen bis wir endlich genau hinschauen.
    Herzlich, Deine Bettina

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