Das Geschenk (von Paul Auster)

Er selbst war sich seiner Macht nicht bewusst, und das war zweifellos der Grund dafür, dass er sie behielt. Die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wurde, war ihm nicht wichtig. Er ging ruhig seiner Wege und nutzte seinen Einfluss nie aus. Er machte nicht bei den Streichen mit, die wir anderen spielten, er stellte nie etwas an, er bekam keine Schwierigkeiten mit den Lehrern. Aber niemand warf ihm das vor. Er stand abseits und doch war er es, der uns zusammenhielt, an den wir uns wandten, damit er unsere Auseinandersetzungen schlichtete, von dem wir erwarten konnten, dass er gerecht war , und unseren nichtigen Streitigkeiten ein Ende setzte. Er hatte etwas so Anziehendes, dass man ihn immer an der Seite haben wollte, so als könnte man innerhalb seiner Sphäre leben und von dem berührt werden, was er war. Er war für einen da und zugleich war er unzugänglich. Man fühlte, dass es einen geheimen Kern in ihm gab, in den man nie eindringen konnte, ein mysteriöses Zentrum im Verborgenen. Ihn nachahmen hieß, irgendwie an diesem Geheimnis teilhaben, aber es hieß auch einsehen, dass man ihn nie wirklich kennen konnte. (…) Einen Zwischenfall habe ich besonders lebhaft vor Augen, eine Geburtstagsparty, zu der er und ich eingeladen waren, als wir in die erste oder zweite Klasse gingen, das heißt gerade zu Beginn der Periode, über die ich mit einiger Genauigkeit sprechen kann: Es war ein Samstagnachmittag im Frühling und wir gingen mit einem anderen Jungen zu der Party, einem Freund von uns, der Dennis Walden hieß. Dennis hatte ein viel schwereres Leben als wir beide: eine trinkende Mutter, einen überarbeiteten Vater, zahllose Brüder und Schwestern.
Ich war zwei-oder dreimal in seinem Haus gewesen – einem großen, dunklen, verfallenen Gebäude – und ich kann mich erinnern, dass mir seine Mutter Angst machte und mich an eine Hexe aus dem Märchen denken ließ. Sie verbrachte den ganzen Tag hinter der verschlossenen Tür ihres Zimmers, immer im Bademantel, ihr Gesicht war voller Runzeln und ab und zu streckte sie den Kopf heraus, um den Kindern etwas zuzuschreien.
Am Tag der Party waren er und ich mit Geschenken für das Geburtstagskind ausgestattet worden, die in buntem Papier verpackt und mit Bändern zugeschnürt waren. Dennis, der mit uns ging, hatte jedoch nichts und er litt darunter. Ich erinnere mich, dass ich ihn mit leeren Phrasen zu trösten versuchte: es spiele keine Rolle, niemandem mache es wirklich etwas aus, in dem ganzen Durcheinander würde es nicht bemerkt werden. Aber es machte Dennis etwas aus und das war es, was er sofort verstand. Ohne eine Erklärung wandte er sich Dennis zu und gab ihm sein Geschenk. „Hier“, sagte er, „nimm das, ich werde sagen, ich hätte meines zu Hause gelassen.“ Zuerst dachte ich, Dennis würde ihm die Geste übelnehmen, er würde sich durch sein Mitleid gekränkt fühlen. Aber ich irrte mich. Er zögerte einen Augenblick, versuchte, diese plötzliche Wendung zu begreifen, und nickte dann, wie um die Weisheit dessen anzuerkennen, was er getan hatte. Es war nicht so sehr ein Akt der Barmherzigkeit als vielmehr ein Akt der Gerechtigkeit und aus diesem Grunde konnte ihn Dennis annehmen, ohne sich gedemütigt zu fühlen. Das eine war in das andere verwandelt worden. Es war ein Stück Magie, eine Mischung aus Lässigkeit und tiefer Überzeugung und ich bezweifle, dass es ein anderer als er fertiggebracht hätte. Nach der Party ging ich mit ihm zu ihm nach Hause. Seine Mutter war da, sie saß in der Küche und fragte uns, wie die Party gewesen sei und ob dem Jungen das Geschenk gefallen habe. Bevor er dazu kam, etwas zu sagen, platzte ich mit der Geschichte heraus und erzählte, was er getan hatte. Ich hatte nicht die Absicht, ihn in Schwierigkeiten zu bringen, aber es war mir unmöglich, es für mich zu behalten. Seine Geste hatte eine ganz neue Welt für mich eröffnet: die Art, wie jemand sich in die Gefühle eines anderen hineinversetzen und sie so völlig annehmen kann, dass seine eigenen nicht mehr wichtig sind. Es war die erste wirklich moralische Tat, die ich erlebt hatte, und sie war es wert, dass man darüber redete.

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